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Transitions to fatherhood in East Germany in the 1990s : psychological determinants of childbearing and the meaning of entering into parenthood for young adults from Rostock ; an event-history and qualitative composite investigation within the Rostock longitudinal survey

Autor :Holger von der Lippe
Herkunft :OvGU Magdeburg, Fakultät für Geistes- Sozial- und Erziehungswissenschaften
Datum :05.05.2004
 
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Typ :Dissertation
Format :Text
Kurzfassung :Die vorliegende Arbeit behandelt drei aktuelle Forschungsprobleme: die Frage nach der Vereinbarkeit demographischer und psychologischer Erklärungsmodelle des generativen Handelns; die Frage nach der Erklärung des extremen Geburtenrückgangs in Ostdeutschland nach der Vereinigung; sowie die Frage nach Geschlechtsunterschieden in den Determinanten des Übergangs zur Elternschaft.

Im ersten Teil der Arbeit (Part A) werden die Forschungsfragen präzisiert. Hier wird u.a. ein neueres sozialdemographisches Theoriemodell vorgestellt („foundation of demographic theory“ von B. de Bruijn), das aufzeigt, wie die psychologische Fundierung einer demografischen Fertilitätstheorie formuliert werden kann. Die folgenden empirischen Untersuchungen greifen dieses Modell auf und führen verschiedene Analysen des Übergangs zur Elternschaft mit Daten aus der Rostocker Längsschnittstudie durch.

Der erste empirische Teil der Arbeit (Part B) stellt eine Ereignisanalyse der in der Studie beobachteten Erstgeburten aus den Jahren 1988 bis 2002 vor. Die Ergebnisse zeigen, dass psychologische Maße einen großen Anteil an der Erklärung der differentiellen Fertilität haben und dass es deutliche Geschlechtsunterschiede für die einzelnen Variablen gibt. Die Resultate legen nahe, dass es für Frauen Merkmale ihres soziostrukturellen und biografischen Hintergrunds (z.B. Bildungsstand, auch jener der Eltern, Größe der Herkunftsfamilie) sowie hereditäre Merkmale (Persönlichkeit) sind, welche die gefunden Unterschiede im Zeitpunkt ihrer Erstelternschaft bestimmen. Für Männer hingegen scheinen es eher die praktische Organisation ihres Lebenslaufs (z.B. Ende der Ausbildung), problembezogene Verhaltensweisen (z.B. Coping-Stile), die Verfügbarkeit eigener Ressourcen (z.B. eigene Fähigkeiten, eine gute Partnerschaft) sowie Art und Inhalt ihrer persönlichen Überlegungen (z.B. Ängste, Optimismus) zu sein, die solche Unterschiede erklären.

Der zweite Teil der empirischen Arbeit (Part C) vertieft diese Befunde auf seiten der Männer und stellt „Problem-zentrierte Interviews“ (A. Witzel) zum Kinderwunsch und den Vorstellungen von Vaterschaft mit 20 Männern aus der Studie vor. Die analytische Vertiefung gelingt hier mittels eines persönlichkeitspsychologisch hergeleiteten Modells zur Ziel- und Absichtsbildung. Die Analyse zeigt, dass der männliche Kinderwunsch aus zwei Kerndimensionen heraus erklärt werden kann. Die erste Dimension wird als „Entwicklungsperspektive des Selbst“ bezeichnet, die sich aus Selbst-bezüglichen Vorstellungen zu den Konsequenzen einer Elternschaft (Motive, antizipiertes Selbstkonzept), dem aktuelles Selbstbild sowie Vorstellungen zum angemessenen Mann-Sein in der Gesellschaft (Männlichkeitsvorstellungen) zusammen setzt. Die zweite Kerndimension wird als „Evaluation sozialer Objekte“ bezeichnet und konstituiert sich aus Einstellungen zu Kindern, Partnerschaft und Familie, Werten im Sinne von verbindlichen Handlungsnormen sowie aus dem Interesse an der Beschäftigung mit Kindern. Der Autor folgert aus diesem Befund, dass eine valide psychologische Theorie des Kinderwunschs zwei Prozesse in Betracht zu ziehen hat, nämlich einen affektiv-motivationalen sowie einen kognitiv-attitudinalen.

Der letzte Teil der Arbeit (Part D) hat zwei Funktionen. Zum einen geht es um die Frage nach der Integration beider vorangegangener Teiluntersuchungen. Zum zweiten geht es um eine gezieltere Einordnung der Befunde in den gesellschaftlichen Kontext Ostdeutschlands nach der Wende. Die Arbeit argumentiert, dass sowohl subjektiv wahrgenommenen Beweggründen für eine Vaterschaft als auch nicht wahrgenommenen Faktoren wesentlich für eine kausale Erklärung von differentieller Erstfertilität von Männern sind. Der erste Mechanismus wird als Motivation zur Vaterschaft verstanden, der zweite als Selektion von männlichen Partnern durch die jeweiligen Partnerinnen. Hier ergänzen sich die beiden empirischen Stränge der Arbeit zu einem Gesamtbild der (sich verändernden) Geschlechterordnung in Ostdeutschland. Die Arbeit argumentiert, dass sich das Abstraktum der Geschlechterordnung konkret im Auftauchen neuer und Verschwinden alter Lebensstile aufzeigen lässt. Hier finden sich in unseren Ergebnissen aus Ostdeutschland aus den 1990ern nebeneinander Vorstellungen von „Normalität“ von Elternschaft im Lebenslauf, die Auflösung hergebrachter und staatssozialistisch geprägter Vorstellungen von Mütterlichkeit (aus Sicht von Männern) sowie die Zuweisung geschlechtsspezifischer neuer Aufgaben und Erwartungen an den eigenen Lebenslauf. In der Zusammenschau schlägt die vorliegende Arbeit vor, diese neuen Zuweisungen – zum Beispiel von sozialer Reife, lebenspraktischer Kompetenz oder eigener Sinngebung von Vaterschaft – als konstitutiv für das Eingehen einer Vaterschaft in Ostdeutschland in den 1990ern anzusehen.
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Erstellt am :08.07.2008 - 08:52:45
Letzte Änderung :22.04.2010 - 09:26:57
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